Der französische Finanzminister liebt Amerika. François de Barbé-Marbois war sechs Jahre seines Lebens Sekretär der Pariser Gesandtschaft in den USA gewesen und schätzte seither die politischen Institutionen sowie die individuelle Freiheit dort. Mit zwei zukünftigen Präsidenten hatte er damals eine Freundschaft angeknüpft, und auch die Tatsache, dass er eine gleichermaßen hübsche wie wohlhabende junge Dame aus Philadelphia ehelichte, dürfte zu seinem günstigen Amerika-Bild nicht wenig beigetragen haben.

   Für einen Vertreter der politischen Klasse des Alten Europas war es im Frühjahr 1803 noch leicht, Amerika zu lieben. Die junge Nation jenseits des Atlantiks, gerade mal 20 Jahre alt, stellte im internationalen Kräftespiel nur eine Größe zweiter Ordnung dar und verfügte über eine Militärmacht von 3000 Soldaten inklusive Kapelle. Ihr Präsident Thomas Jefferson erfreute sich diesseits des Atlantiks großer Sympathie. Er galt als Intellektueller und Mann von Welt, der einst als amerikanischer Gesandter in Paris die Lebensart der ersten Nation Europas zu schätzen gelernt und bei einer Reise entlang des Rheines auch an Deutschland Gefallen gefunden hatte. Zudem hielt sich Amerika aus allen internationalen Konflikten heraus, während Frankreich just dem Zenit seiner imperialen Entfaltung entgegenstrebte – an seiner Spitze stand, als Erster Konsul, Napoleon Bonaparte.

   Doch selbst die innige Zuneigung François de Barbé-Marbois’ zu den Vereinigten Staaten kann kaum erklären, warum der Finanzminister am Abend des 13. April 1803 so buchstäblich vom diplomatischen Weg abwich. Als er bei einem Spaziergang am Haus der amerikanischen Gesandtschaft „zufällig“ vorbeikam, betrat er deren Gelände, ging aber keineswegs auf das Portal zu, sondern stiefelte zielstrebig durch die Blumenbeete hindurch, um am Fenster des Speisezimmers zu spionieren. Ein Bediensteter entdeckte den Voyeur, der von den Diplomaten, die an der Tafel versammelt waren, auch sofort erkannt wurde. Man bat Barbé-Marbois herein, der ein wenig Verlegenheit heuchelte, dann aber das Angebot, doch auf einen Cognac zu bleiben, freudig annahm. Binnen kurzem saß er mit dem amerikanischen Gesandten, Robert Livingston, und dem gerade erst in Paris eingetroffenen Sonderbotschafter Präsident Jeffersons, James Monroe, zusammen. Ein Wort machte die Runde, das auf die Männer eine ebenso vitalisierende Wirkung ausübte wie die geisthaltigen Getränke in ihren Gläsern: Louisiana.

 

Napoleon plant am Mississippi ein Neues Frankreich

 

   Schon seit Tagen ging es um nichts anderes mehr zwischen den USA und Frankreich. Louisiana, das große Land im Westen und Südwesten der jungen Republik westlich des Mississippis und rund um das Delta des gewaltigen Stroms, war zum Tor Amerikas in die Zukunft geworden, und Frankreich hatte den Schlüssel dazu. Denn seit der Unabhängigkeit waren Tausende Europäer in die Western Territories jenseits des Appalachen-Gebirges eingewandert und hatten dort neue Staaten gegründet, zunächst Kentucky (1792) und Tennessee (1796), in jenem Jahr 1803 Ohio. Um mit ihren Produkten die großen Märkte diesseits und jenseits des Atlantiks zu erreichen, war der Mississippi für die Farmer und Fallensteller, für die Manufakturen und Brennereien in dieser Region essenziell. Beherrscht wurde das Gebiet von New Orleans aus. Die französisch geprägte Stadt und mit ihr die gesamte Kolonie Louisiana waren 1762 vom bourbonischen Frankreich zwar an Spanien abgetreten worden, doch hegten die Amerikaner zu Beginn des Jahrhunderts die Vermutung, das neue Frankreich könne auf eine Revision drängen. Mit dem schwachen Spanien als westlichem Nachbarn war man gut ausgekommen, doch das napoleonische Reich an seine Stelle treten zu sehen war für amerikanische Staatsmänner eine eher beunruhigende Aussicht. Selbst der durch und durch frankophile Thomas Jefferson sah eine solche Entwicklung mit Schrecken: „Es gibt auf dem Globus einen einzigen Fleck, dessen Besitzer unser natürlicher Feind ist. Es ist New Orleans, das die Produkte von drei Achtel unseres Territoriums auf dem Weg zu den Märkten passieren müssen. Wenn Frankreich sich in diese Tür stellt, löst dies bei uns das Gefühl der Abwehr aus.“

Was die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Ihre Befürchtungen waren längst Wirklichkeit geworden. Am 1. Oktober 1800 hatte Frankreich „die Kolonie oder Provinz Louisiana“ inklusive New Orleans, der einzigen nennenswerten Stadt auf dem riesigen Territorium, in einer geheimen Zusatzklausel zum Vertrag von San Ildefonso von Spanien erworben. Napoleons Plan: Nach der Niederschlagung des Aufstandes in der französischen Kolonie auf Haiti (wo der Freiheitskämpfer Toussaint L’Ouverture als erster Lateinamerikaner das Joch der Sklaverei und der Kolonisation abschütteln wollte) sollte das dorthin entsandte, 20000 Mann starke Expeditions-Corps unter Napoleons Schwager General Charles Leclerc aufs amerikanische Festland übersetzen. Leclerc hatte den Auftrag, Louisiana auch militärisch für Paris in Besitz zu nehmen und dort eine lebensfähige Nouvelle France zu errichten.

   Dass den USA dieses Unternehmen erspart blieb, verdankte es einem kleinen Verbündeten, auf den eigentlich an jedem 4.Juli ein Toast ausgebracht werden sollte: Aedes aegypti. Die Stechmücke überträgt das Gelbfieber, welches die französische Armee auf der Karibikinsel gnadenlos dezimierte. Auch Leclerc sah die Heimat nie wieder. Napoleons kolonialer Enthusiasmus ließ rapide nach: „Verdammter Zucker! Verdammter Kaffee! Verdammte Kolonien!“

   Dennoch erschien Jefferson und seinem Außenminister James Madison – sie hatten Anfang 1802 vom spanisch-französischen Geheimabkommen erfahren – ein radikaler Kurswechsel der amerikanischen Außenpolitik erwägenswert. Der Isolationismus der ersten Jahre und das Misstrauen gegen ein stehendes Heer konnten angesichts der potenziellen Bedrohung fatale Folgen haben. Jefferson, lange Jahre ein erbitterter Gegner Großbritanniens, sinnierte plötzlich laut vernehmbar, dass man sich möglicherweise mit der „englischen Nation und Flotte verheiraten“ müsse. An Botschafter Livingston in Paris erging die Anweisung, mehr als nur subtil eine Aussöhnung der USA mit dem einstigen Mutterland anzudeuten, gleichzeitig aber herauszufinden, ob man den Franzosen nicht New Orleans und sein (in der Ausdehnung nicht definiertes) Umland abkaufen kann.

Unterdessen breitete sich in den USA Unruhe aus. Die Spanier, die offiziell noch immer New Orleans verwalteten, hatten plötzlich das Niederlassungsrecht (Stapelrecht) für amerikanische Waren aufgehoben. Daraufhin wurde in den westlichen US-Staaten und bei deren Vertretern im Kongress die Forderung nach gewaltsamer Einnahme der Stadt laut. Im März 1803 beantragte ein Senator aus Pennsylvania die Aufstellung einer Streitmacht von 50000 Mann – die Franzosen wurden nervös.

Napoleon, der in seinem Kampf gegen England keine weitere Front in Übersee brauchen konnte, zeigte sich kompromissbereit. US-Botschafter Livingston, ein schwerhöriger New Yorker, der mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor zusammen mit Jefferson und drei weiteren Männern die Unabhängigkeitserklärung verfasst hatte, nahm die Verhandlungen auf. Sein Gegenüber waren zwei der engsten Vertrauten Napoleons. Neben Finanzminister Barbé-Marbois hatte er es vor allem mit Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord zu tun. Auch dieser kannte Amerika aus eigener Anschauung, doch im Gegensatz zu seinem Kabinettskollegen hatte er keinen sonderlichen Gefallen an dem Land gefunden. Er sah in den USA eine aufstrebende Macht, deren Ambitionen es – zur Not im Zusammenwirken mit England – Grenzen zu setzen galt. Auch die Tatsache, dass sich Livingston gegen Talleyrands Forderung nach einer Verhandlungs-„Gebühr“ von rund 250000 Dollar für die Privatschatulle des Ministers als besonders taub erwies, trug nicht gerade dazu bei, das Amerika-Bild des Franzosen aufzuhellen. Napoleon mochte seine Gründe gehabt haben, als er Talleyrand „ein Stück Scheiße in Seidenstrümpfen“ nannte.

 

Der rasanteste Wertverfall der Weltgeschichte

 

   Die Gespräche verliefen zunächst schwerfällig, was auch daran lag, dass der Amerikaner keine konkrete Summe zu nennen vermochte, die seiner Regierung für den Kauf von New Orleans anzulegen gedachte. Dem Gesandten verdarb jedoch etwas anderes die Stimmung: die bevorstehende Ankunft von James Monroe. Livingstons Verhältnis zu den beiden ihm vorgesetzten Virginiern Jefferson und Monroe war ohnehin nicht das beste. Das Auftauchen dieses „Außerordentlichen Gesandten“ sah er als Versuch an, ihm die Geschäfte aus der Hand zu nehmen. Monroe war ein Jefferson-Intimus und früher schon einmal Gesandter in Paris gewesen, wobei er nicht die glücklichste Figur gemacht hatte. Eingeladen, vor dem Konvent zu sprechen, war er dem Sog der eigenen Freiheitsrhetorik erlegen und hatte vor den jubelnden Revolutionären die Geistesverwandtschaft Frankreichs mit den USA beschworen – was wenig zur strikt neutralen Haltung seines Landes passte. Nur die schützende Hand Jeffersons hatte damals eine Abberufung in Schande verhindert.

   Livingston wollte sich beeilen, wollte die Verhandlungen auf den Weg gebracht haben, bevor Monroe Paris erreichte. Und es war kein Geringerer als der Erste Konsul selber, der ihm diesen Herzenswunsch erfüllte. Am 10.April demonstrierte Napoleon plötzlich Pragmatismus. „Ich kann kaum sagen, dass ich es an die Amerikaner abtrete“, erklärte der Korse Finanzminister Barbé-Marbois mit Blick auf das de facto nicht in Besitz genommene Louisiana, „weil wir darüber gar nicht verfügen. Sie fragen nur nach einer Stadt in Louisiana, aber ich betrachte bereits die ganze Kolonie als verloren. Und es erscheint mir, dass es in den Händen einer aufstrebenden Macht nützlicher für Frankreich und seinen Handel sein kann, als wenn ich versuchen würde, es zu behalten.“

   Am nächsten Tag bekräftigte er seinen Entschluss und gab Barbé-Marbois die Anweisung: „Schlagen Sie 50 Millionen Franc vor, nicht weniger. Ich brauche das Geld für den Krieg mit England.“ Kurz zuvor hatte Napoleon noch von 100 Millionen gesprochen. Das sei, so kommentierte Talleyrand spitz, der rasanteste Verfall eines Immobilienwerts in der Geschichte.

Noch am gleichen Tag wurde Livingston zu Talleyrand gerufen. Wie viel würden, so fragte ihn der Außenminister, die Vereinigten Staaten für ganz Louisiana zahlen? Livingston glaubte, wieder einmal sehr schlecht gehört zu haben. Nach einem Moment der Besinnung sagte er (obwohl darüber mit Jefferson nichts abgemacht war): „Zwanzig Millionen Franc.“ Völlig inakzeptabel, erklärte Talleyrand. Livingston solle das Angebot überdenken und am anderen Tag wieder kommen.

Wie Livingston kannte auch James Monroe, inzwischen in Paris eingetroffen, keine konkreten Zahlen, wohl auch, weil niemand in Washington mit einem solchen Angebot gerechnet hatte. Als am Abend des 13. April Livingston, Monroe und Überraschungsgast Barbé-Marbois zusammensaßen (dass der Franzose zeitweilig mit seinem Freund Livingston unter vier Augen zu sprechen wünschte, erfüllte den New Yorker mit kaum verhohlener Befriedigung, während Monroe nur mit Mühe Gleichmut zur Schau stellte), kam man schnell überein, dass bei einem so sprunghaften Menschen wie Napoleon (dem nun doch wieder 100 Millionen vorschwebten) das Angebot eine Chance darstellte, die vielleicht nie wiederkäme.

   Die Amerikaner handelten, rasch – und auf eigene Faust. Einen Kongressausschuss um Erlaubnis zu ersuchen war in einer Zeit, da eine Depesche nach Washington und deren Antwort nach Paris vier Monate brauchten, nicht möglich. Immerhin hatte Jefferson seinem Vertrauten Monroe einen Wink mit auf die Reise nach Europa gegeben. Sollte sich eine Möglichkeit andeuten, die Navigationsrechte auf dem Mississippi und das zu Spanien gehörende Florida zu erwerben, so waren nach des Präsidenten Vorgabe 50 Millionen Franc nicht zu viel.

Livingston wusste, dass es um ein Gebiet ging, über dessen wahre Größe ebenso wenig bekannt war wie über dessen Grenzen. Auch Monroe hatte keine Ahnung, um wie viele Quadratmeilen es sich handelte. Eines aber stand fest: Man würde im Erfolgsfall die Fläche der USA mit einer Unterschrift mindestens verdoppeln.

   Am Samstag, dem 27. April, traten Livingston, Monroe und Barbé-Marbois in die entscheidende Verhandlungsrunde ein, nachdem wenige Tage zuvor Napoleon ein amerikanisches Angebot von 50 Millionen Franc als unzureichend abgelehnt hatte. Als das arbeitsreiche Wochenende sich seinem Ende entgegenneigte, vertraute ein ermüdeter, aber auch erleichterter Monroe seinem Tagebuch an: „Barbé-Marbois erklärte, … nach seinem Verständnis hätte der Consul [Napoleon] seine Einwilligung gegeben. Wir stimmten darauf seinem Vorschlag von 80Millionen zu.“

Frankreich würde 60 Millionen Franc von den USA erhalten, 20 Millionen wurden gegen Forderungen von US-Bürgern an Frankreich (meist für aufgebrachte Schiffe und beschlagnahmte Waren) aufgerechnet. In amerikanischer Währung handelte es sich um eine Gesamtsumme von rund 15 Millionen Dollar. Ging man von einem Gebiet aus, dass sich über 900000 Quadratmeilen erstreckte, so bedeutete dies – das hatten die beiden Amerikaner schnell errechnet – einen Spottpreis von vier Cent für jeden Acre (1 Acre = circa 4000 Quadratmeter). Am Dienstag, dem 30.April 1803, unterzeichneten Barbé-Marbois und die beiden Amerikaner den Vertrag, der als Louisiana Purchase zu den Meilensteinen der amerikanischen Geschichte gehört.

   Das erworbenen Territorium erstreckte sich vom Golf von Mexiko bis zu den Rocky Mountains.

Auch der Erste Konsul war zufrieden: Am Tag nach der Unterzeichnung durften die beiden Amerikaner mit ihm im Louvre speisen. Wie er die 60 Millionen Franc zu investieren gedachte, stand für den Diktator außer Frage: in den Krieg gegen England. Darüber hinaus erfreute eine langfristige Perspektive Napoleons Herz: „Ich habe England einen maritimen Rivalen gegeben, der früher oder später seinen Stolz demütigen wird.“

   Die Nachricht von dem diplomatischen Erfolg erreichte die Vereinigten Staaten am 3. Juli, dem Vorabend des Unabhängigkeitstages. In die Freude mischte sich bei Präsident Jefferson die Erkenntnis, dass er und seine Diplomaten mit der Verdopplung der Staatsfläche ohne Konsultation der gewählten Repräsentanten der Bevölkerung „die Verfassung bis zum Zerbrechen gedehnt“ hatten. Die Volksvertreter trugen es der Regierung nicht nach. Der Senat stimmte dem Louisiana Purchase im Oktober mit 24 zu 7 Stimmen, das Repräsentantenhaus mit 89 und 23 Stimmen zu.

 

Die Frage der Sklaverei
Ein Kommentar

   Moritzburg, 30. Oktober
   Durch die teilweise heftigen Dispute im Senat über die Frage der Einführung der Sklaverei verlangt dieses Thema nach einer ernsthaften Betrachtung.
   Die Haltung des Kaisers scheint eindeutig zu sein. Ein Blick auf den Nachbarn Brasilien zeigt, dass die Sklaverei nicht unbedingt zum Vorteil dieses großen Territoriums gereicht. So muss die gesamte körperliche Arbeit dort von Sklaven verrichtet werden. Es gibt deren, die Mulattensklaven eingerechnet, fast 2 Millionen. Aber auch die 160.000 freigelassenen Neger, die 420.000 freien Mischlinge, die 260.000 Indianer, von denen freilich ein verschwindend kleiner Teil nur in den Städten lebt, stehen, wenn nötig, zu körperlichen Dienstleistungen den kaum 80.000 Weißen zur Verfügung.
   Wie weit die Enthaltung von jeglicher Anstrengung auch bei den unteren Schichten der portugiesischen Herren üblich ist, davon gibt ein Engländer Beispiel, der in Rio lebt. Er wollte sich, erzählt er in einem Reisebericht, ein Schloss an der Wohnungstüre öffnen lassen. Ein in der Nähe wohnender Schmied befand sich bereit zu kommen, ließ aber lange auf sich warten, denn er musste erst einen feinen weißen Rock, Hosen mit Knieschnallen anziehen, seinen Dreispitz suchen und seinen Sklaven holen, der die nötigen Instrumente zu tragen hatte. So erschien er dann endlich, mit einem Zierstock bewaffnet, beim Auftraggeber. Aber nicht er selber, der Schwarze verrichtete die Arbeit. Er machte nur den Aufseher.
   Noch konsequenter pflegen die Damen die fremden Kräfte auszunutzen und die eigenen zu schonen. Mit einer beispiellosen Lässigkeit leben sie, wenn nicht gerade ein Liebesabenteuer lockt, in den Tag hinein, meist halb bekleidet auf der Strohmatte liegend. Im Haushalt rühren sie selbstverständlich keinen Finger. Sie geben nur Weisungen an ihre Negerinnen, deren Erhaltung ja so wenig kostet. Wenn es sich bloß darum handelt, ein Glas Wasser einzuschenken, bemühen sie die dienstbaren Geister. Einige müssen sich ständig dicht neben ihnen aufhalten, um ihnen ihre Wünsche von den Augen abzulesen.
   Die Einführung von Negern war wohl für einige Wirtschaftsgebiete von Brasilien eine Notwendigkeit, um deren profitable Ausbeutung voranzutreiben. Im Allgemeinen aber ist einfach die Gewöhnung zur Verwöhnung geworden. Und es wird selten eine andere Anschauung über den Neger vertreten, als die, dass er kein menschliches Wesen sei. Das zeigen die Sklavenkäufer- und verkäufer auf den Märkten, wo die Neger wie Vieh betastet und abgeschätzt werden. Das kommt den Besucher erschreckend zu Bewusstsein, wenn er auf den Straßen Rios den Unglücklichen begegnet, denen ihr Herr, weil sie irgend etwas begangen hatten, einen engen eisernen Ring um den Hals und daran, den Hinterkopf überragend, ein Kreuz hatte schmieden lassen, oder die, offenbar Trunksüchtige, eine blecherne Maske mit einem Nasenrüssel vor den Gesicht tragen müssen.
   Dazu tritt die Rückständigkeit der brasilianischen Gesellschaft. Im ganzen land gibt es keine einzige Hochschule, natürlich auch keine Universität, und noch nicht einmal eine Buckdruckerei. Die Sklaverei hat einen grenzenlosen Hang zur Trägheit gefördert und nicht unwesentlich zu dieser Rückständigkeit geführt. Wer das Geld hat, schickt seine Kinder nach Portugal, um sie dort zur Schule gehen oder studieren zu lassen, falls das überhaupt gewünscht ist. Bezeichnend für diese Haltung ist das Schreiben eines Generalkapitäns an die heimische Regierung in dem er sich über die Einrichtung eines Lehrstuhls für Philosophie in einem Priesterseminar beschwert und die Beschränkung des Unterrichts auf Latein und die Elementarfächer befürwortet: „Die höheren Studienfächer dienen nur dazu, die Überheblichkeit der mittägigen Bewohnerschaft und die Bande der politischen und zivilen Unterordnung zu lösen, durch die doch die Bevölkerung der Kolonien mit der Metropole (Lissabon) verbunden bleiben soll.“
   Brasilien ist es verboten, selbständig Handel zu treiben. Der gesamte Warenverkehr muss über Lissabon abgewickelt werden. Nur deshalb ist der Schleichhandel zwischen Brasilien und Amapura derart lukrativ. Da, wie gesagt, Druckereien auf dem gesamten brasilianischen Territorium verboten sind, müssen Bücher zumeist ebenso illegal eingeführt werden.
   Nun gibt es einflussreiche Kreise in Amapura, die – aus rein wirtschaftlichen Gründen – ein großes Interesse an der Einführung der Sklaverei auch in unserem Lande haben. Dabei handelt es sich zumeist um die großen Plantagenbesitzer und die Betreiber der Minenbetriebe. Ihre Forderung ist in letzter Zeit immer drängender geworden. Doch aus den oben erwähnten Gründen ist man seitens der Regierung und des Hofes nicht gewillt, den Forderungen nachzukommen. „Ist die Sklaverei erst einmal da, wird bald der Kampf um ihre Abschaffung beginnen – aber der Schaden ist dann schon eingetreten“, verlautet es von einem Vertreter der Ablehnungsfront. Auch zeigt der derzeitig rasant verlaufende wirtschaftliche Aufschwung im Lande, dass es der Sklaverei nicht bedarf, um hier erfolgreich zu sein. Die Diskussion wird weiter gehen, aber die Sklaverei wird nicht kommen, davon ist auszugehen.


Preußische Botschaft eingeweiht

Moritzburg, 14. Oktober. Heute wurde in einer kurzen Zeremonie die Botschaft Preußens ihrer Bestimmung übergeben (siehe auch „Bilder“). Leider haben mehrere Änderungswünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hauptstadt, die seitens des Kaisers geäußert wurden, zu Verzögerungen in der Bauausführung geführt. Dazu kommt, dass der Kaiserliche Baumeister durch ein Galadiner gehindert war, seine Pläne im eigentlichen Zeitrahmen umzusetzen. Es ist zu hoffen, dass das Schlemmen keine weiteren Folgen zeitigt.

 

Fahnenweihe in Leron

    Leron, 14. Oktober. Während einer Feierstunde im Marinearsenal von Leron wurden mehrere Fahnen in Beisein des Kaisers, der Admiralität und weiterer Gäste geweiht. Dabei handelt es sich um die Banner der Marine, des Heeres und um die offiziellen Fahnen des Freistaates Leron und der Provinz Terra Grande.
   Auch wurden die neue Fahne des Königreichs Amapá und der Kaiserlichen Post zum ersten mal offiziell aufgezogen.
(siehe auch unter Bilder)

 

Diplomatische Beziehungen

    Moritzburg, 10. Oktober. Amapura ist nicht gerade der Nabel der Welt. Aber Amapura liegt nicht so weit Abseits vom Geschehen, dass man es in Europa gänzlich ignorieren würde. Man hat es aber lange Zeit schlicht übersehen.
   Nun aber eröffnet ein europäischer Staat nach dem anderen seine Botschaft. Wegbereiter dieser Entwicklung ist Österreich. Oberst v.d. Trenck hat maßgeblichen Anteil daran, dass auch andere Nationen den Vorteil regulärer diplomatischer Beziehungen zu uns erkannt haben. Neben dem bereits erwähnten Österreich haben inzwischen auch die Schweiz, Preußen, England, Dänemark und Sachsen ihre diplomatische Vertretung angemeldet. Die Akkreditierung stockt etwas, weil man mit dem Bau der Botschaftsgebäude nicht nachkommt. Aber auch hier deutet sich eine Entspannung an, denn natürlich tut man, was man kann. Und so kann vermeldet werden, dass in der kommenden Woche auf alle Fälle Preußen und England ihre Räumlichkeiten beziehen können. Vielleicht gelingt es sogar, alle Botschaften fertigzustellen.
   Alles zusammen darf man feststellen, dass es sich hier um eine durchaus positive Entwicklung handelt. Man drängt im Senat darauf, dass der derzeitige Hofmarschall, Marquis de Kalimba, zum Staatssekretär für das Äußere ernannt wird. Der Kaiser hat sich hier noch nicht entschieden, will er doch seinen Hofmarschall nur ungern verlieren. Deshalb hat man auch den Marquis von Macapá ins Gespräch für dieses Amt gebracht. Man muss abwarten, wie sich der Kaiser entscheidet. Vielleicht wird auch der Verlauf der Gespräche, den der Marquis von Macapá in Wien und Berlin führen wird, ausschlaggebend für die Entscheidung.

 

Chancen und Gefahren

    Moritzburg, 1. Oktober. Die Verschärfung der Spannungen zwischen Amapura und Frankreich bieten Chancen und Gefahren. Die Gefahren liegen im Ausgang eines offenen Krieges. Niemand vermag derzeit die Amerika-Politik Frankreichs gänzlich sicher einzuschätzen. Sicher ist, dass die Vorstellung Napoleons, man könne Santo Domingo sozusagen zum Herzen eines Übersee-Reiches in Amerika machen, als gescheitert betrachtet werden können. Es ist den Franzosen nicht gelungen, eine dauerhafte Ordnung auf der Insel zu begründen. Besonders Napoleons Vorstellung der Wiedereinführung der Sklaverei stößt auf erbitterten Widerstand der farbigen Bevölkerung. Wenn Frankreich nun dazu einen offenen Krieg mit Amapura beginnen würde, könnte das zum Flächenbrand ausufern. Denn in diesen Krieg würden alsbald auch Portugal und sein Verbündeter England eintreten, auf Frankreichs Seite Spanien.
   Die Chancen in der derzeitigen Situation überwiegen für Amapura. Nicht nur, dass Österreich, das mit Frankreich derzeit einen brüchigen Frieden hält, angekündigt hat, seine Seewege nach Südamerika militärisch schützen zu wollen, was eindeutig gegen die französischen Korsaren gerichtet ist. Man will zugleich auch auf Paris einwirken, endlich Amapura als souveränen Staat anzuerkennen. Ob Frankreich für seine Ansprüche einen neuen Krieg riskieren will, ist fraglich. Auf der anderen Seite scheint es aber nicht so, dass in Europa nun eine lange Friedensperiode vor der Tür steht.

   Der Hof von Moritzburg reagiert derweil ziemlich gelassen. Der Hofmarschall, Marquis de Kalimba, hat verlauten lassen, dass man die Haltung Seiner Apostolischen Majestät begrüße. Derweil veröffentlichte der Generalstab ein Communique, in dem bekannt gegeben wird, dass sich die „irregulären Banden“ im Grenzgebiet nach Französisch-Guayana auf der Flucht befänden.

 
 
Imperial Times - Die Zeitung für das Kaiserliche Amapura -